Es werden soviel schöne Worte in der Welt über Freiheit geredet,
aber nichts in der Welt macht so unfrei wie Armut.
Martin Andersen Nexö
Vorwort
Armut bedeutet nicht nur, zu wenig Einkommen zu haben,
sondern oft auch keinen Zugang zu zentralen gesellschaftlichen
Bereichen wie Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und nicht
zuletzt auch Wohnung.
Die Entwicklung von Strategien der Teilhabe an den zentralen
Ressourcen, wie Wohnraum auch für Bürgerinnen und Bürger mit
wenig Einkommen, ist grundlegende sozialpolitische Aufgabe
unserer Gesellschaft.
Dennoch sind von Wohnungslosigkeit "Betroffene" keine Objekte
sozialarbeiterischen Handelns, sondern Subjekte - aktiv
handelnde Personen.
Im vorliegenden Leitfaden haben die Autor/innen Informationen
und Tipps zusammengestellt, die betroffenen Menschen in Berlin
bei ihrem individuellen Weg aus dem Kreislauf von Armut und
Wohnungslosigkeit praktische Unterstützung geben (können).
Berlin, im März 2004
Ruth Anhäusser
Geschäftsführerin der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH,
gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung von Stadtkultur
Einleitung
Umfang & Definition von Wohnungslosigkeit
Allein in Berlin sind gegenwärtig mehr als 6.000 Menschen offiziell bei den
Behörden als obdachlos registriert, und die Tendenz ist (wieder) steigend. Hinzu
kommt eine "Dunkelziffer" von wenigstens 2.000 - 3.000 weiteren Menschen, von
denen angenommen wird, daß sie irgendwo unerkannt unter uns leben. Mit diesem
Leitfaden für Wohnungslose gehen wir aber von einer weit gefassten Definition
des Problems aus:
Wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum
verfügt.
Aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind demnach Menschen,
- die ohne jegliche Unterkunft sind,
- die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend unterkommen,
- die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht,
- die als Selbstzahler in Billigpensionen leben,
- die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten durch den Sozialhilfeträger nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG: §§ 11, 12 oder 72) übernommen werden,
- die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, d.h., lediglich mit Nutzungsverträgen, in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden,
- Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum finden können und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind. Anerkannte Asylbewerber in Notunterkünften zählen somit auch zu den Wohnungslosen.
Diese Beschreibung macht deutlich, dass Wohnungslosigkeit weitaus mehr Menschen
betrifft, als nur die, die "offiziell" als obdachlos registriert werden. Auch
Angehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Nachbarn sind mehr oder weniger
direkt von dem Problem betroffen. Und auch im täglichen Leben kommen wir an
dem Thema nicht vorbei: Wer seine Lebensumgebung genau beobachtet, wird nicht
nur Menschen antreffen, die um ein paar Cent auf der Strasse betteln, sondern
auch beobachten können, dass Menschen in Mülltonnen nach etwas Brauchbarem
suchen, dass Menschen sich auf Bahnhöfen aufhalten, weil sie dort vorm Wetter
geschützt sind, und dass es hier und da Spuren gibt, die darauf hinweisen, dass
jemand provisorisch einen Schlafplatz eingerichtet hat.
Dieser Leitfaden richtet sich an diejenigen Menschen, die bereits in dieser Lebenssituation
stecken oder, die befürchten, genau in diese Situation hineinzugeraten.
Weil wir, die Autoren, seit Jahren fast jeden Tag mit Fragen und Anliegen
konfrontiert werden, die sich aus eben dieser Lebenssituation konkret ergeben,
haben wir uns vorgenommen, einmal aufzuschreiben, was aus der Perspektive eines
wohnungslosen Menschen wichtig sein könnte.
Aufbau des Leitfadens
Aus dieser Sichtweise ergibt sich auch die Gliederung des Leitfadens. Wir haben ihn
in einen Ratgeberteil und in einen Adressen- und Serviceteil unterteilt.
Der Ratgeberteil bietet zunächst Erste Hilfe(n) zum Zurechtkommen und Überleben
(Abschnitt 1) und orientiert sich an konkreten Problemlagen. Danach beschreiben
wir die wichtigsten Hilfen & Angebote (Abschnitt 2). Anschließend gehen wir auf
Spezielle Themen & Gruppen gesondert ein (Abschnitt 3).
Der Adressen- und Serviceteil folgt diesem Aufbau. Angebote von Ersten Hilfen -
Hilfen zum Zurechtkommen & Überleben - stehen am Anfang. Allgemeine Beratungsangebote
& Hilfen werden im zweiten Abschnitt aufgeführt. Danach folgt
eine Auflistung spezialisierter Hilfen. Am Ende des Adressen- & Serviceteils
führen wir wichtige Literatur, Ratgeber und Gesetzesgrundlagen, sowie eine Reihe
nützlicher und wichtiger Internetseiten von A-Z auf.
Die Suche nach bestimmten Themen wird durch ein Stichwortverzeichnis am Ende
dieses Leitfadens erleichtert*.
Verwendung und Zielstellung
Der Leitfaden sollte ein Büchlein sein, mit dem praktisch gearbeitet wird. Wir
haben genug Raum für Notizen, Ergänzungen, Anmerkungen, Streichungen gelassen.
Es liegt in der Natur der Sache, dass sich wichtige Gesetze, die Existenz und
Öffnungszeiten von Einrichtungen, wichtige Telefonnummern, Internetadressen,
aber auch staatliche Leistungen und Hilfen, ständig ändern - häufig zum Nachteil
armer Menschen. Deswegen ist dieser Leitfaden eigentlich schon zum Zeitpunkt
seines Erscheinens veraltet.
Aus diesem Grund gibt es den Leitfaden im Internet unter der Adresse:
www.ofw-leitfaden.de
ofw steht hier für: Ohne festen Wohnsitz. Die Seiten werden ab Juni 2004
freigeschaltet und fortlaufend einmal im Quartal aktualisiert werden.
Gerade weil mit diesem Leitfaden nicht alle Fragen beantwortet werden können,
ist es uns sehr wichtig, damit Gespräche anzustoßen und zu vertiefen. Zu
vielen Themen sind Fachleute und ExpertInnen gefragt, aber auch ehrenamtliche
MitarbeiterInnen in der Wohnungslosenhilfe leisten viel. Auch in der unmittelbaren
Nachbarschaft gibt es Möglichkeiten, die Lebenslage von wohnungslosen
BürgerInnen konkret zu verbessern und Ziele aufzuzeigen, die über das bloße
Zurechtkommen und Überleben hinausgehen. Darüber hinaus dürfen alle Beteiligten
nicht vergessen, das Thema Wohnungslosigkeit auch weiterhin im öffentlichen
Bewußtsein zu halten und sich dafür einzusetzen, dass ein Grundmaß an Toleranz
bestehen bleibt und dass die Hilfeangebote nicht weiter reduziert und zusammengespart
werden.
Zum Schluss noch ein Wort zu unserer Sprache. Wir bemühen uns im Textteil um
eine sehr direkte und persönliche Ausdrucksweise und benutzen fast durchweg
das "Du". Wir wollen uns damit nicht anbiedern oder eine Kumpanei vortäuschen,
sondern einfach nur einen Anspruch deutlich machen, der in unserer/ dieser Arbeit
sehr wichtig ist: "Fremde(r), sei willkommen!"
Berlin, im März 2004
Jutta Welle & Stefan Schneider
* nur in der Printversion

Das Kettenkarussell des Lebens dreht sich irre.
Wer nicht fest drin hängt, wird verschleudert
und findet dann in seiner Wirre
kaum einen, der ihm das erläutert.
Es will auch keiner wissen.
Man könnte heulen oder lachen,
sich in die Hose pissen.
Das nützt doch alles nichts, es gibt nur eins:
sein eigenes Zeichen hissen!
Wolfgang SISYPHOS Graubart, 1994