1. Erste Hilfen zum Zurechtkommen und Überleben

1.1 Schlafplatz & Unterkunft

 

Schlafplatz organisieren

Gerade wenn Du schon auf der Strasse bist und Dir momentan nicht klar ist, wo Du bleiben sollst, ist es besonders wichtig, dass Du Dich um einen Schlafplatz kümmerst. Und zwar gleich als erstes, und nicht erst, wenn es schon dunkel wird.

Natürlich kann man auch auf der Parkbank übernachten, aber wenn Du

  • schon Alkohol oder andere Drogen genommen hast
  • unter Stress stehst
  • bei schlechter Gesundheit bist
  • oder einen ungünstigen Ort erwischst

ist die Gefahr besonders groß, dass Du die Lage falsch einschätzt.

Vielleicht wird es doch kälter als Du denkst, und Du könntest erfrieren oder Du wirst beraubt, überfallen und misshandelt. Also: kümmere Dich frühzeitig um einen Schlafplatz. Grundsätzlich gibt es dazu zwei Möglichkeiten:

  • Du versuchst auf eigene Faust, einen Schlafplatz zu finden
  • Du nimmst eine der verschiedenen Notübernachtungsmöglichkeiten in Anspruch

Sicherer ist auf jeden Fall die zweite Variante.

Aber Vorsicht: Die ganzjährig geöffneten Notübernachtungen sind oftmals schon von Stammgästen belegt und es könnte schwierig werden, einen Platz zu bekommen. Aus diesem Grund ist es ratsam, schon im Verlauf des Tages vorbeizugehen und Dir für abends einen Schlafplatz zu reservieren. Erkundige Dich genau nach dem letzten Einlass, nicht dass Du trotzdem vor verschlossener Tür stehst. Auch die in der Winterzeit gesondert geöffneten Nachtcafés könnten schon frühzeitig belegt sein - insbesondere dann, wenn es draußen Frost gibt. Auch hier lohnt es sich, frühzeitig da zu sein.

Eine Übersicht der ganzjährig geöffneten Notübernachtungen und der in der Winterzeit geöffneten Nachtcafés findest Du weiter hinten im Adressteil.

Wird Dir mitgeteilt, dass schon alles belegt ist, gibt es mehrere Möglichkeiten. Frage nach, ob es sein kann, dass vielleicht ein Übernachter nicht kommt. Das passiert gelegentlich. In diesem Fall ist es aber ratsam, gleich vor Ort zu bleiben. Oder Du fragst nach, ob es möglich ist, dass nur für diese Nacht für Dich ein Notbett bereitgestellt wird. Das kann dann gegebenenfalls auch nur eine Iso-Matte und eine Decke sein, ist aber immerhin besser als gar nichts.

Sollte wirklich kein Platz mehr für Dich frei sein, bitte die Ansprechpartner unbedingt, Dir eine andere Adresse zu geben - besser aber zwei. Wenn es irgendwie möglich ist, bitte die Mitarbeiter in der Notübernachtung, bei der anderen Stelle anzurufen und zu fragen, ob dort noch ein Platz für Dich frei ist. Sollte das der Fall sein, lass Dir auf jeden Fall diesen Platz reservieren und gebe an, wann ungefähr Du eintreffen willst.

Gerade, wenn Du in der Stadt fremd bist, lasse Dir den Weg genau erklären. Noch sicherer ist es, wenn Du Dir die Adresse aufschreibst oder aufschreiben lässt. Wenn möglich, auch die Verkehrsverbindung und die Telefonnummer, unter der die Notübernachtung zu erreichen ist.

Frage auch bitte nach Einzelheiten: Wie genau ist die Notübernachtung zu finden? Gibt es eine spezielle Klingel, muss man nach einem bestimmten Flügel oder Nebeneingang suchen und, was ist sonst noch zu beachten? Nichts ist schlimmer, als am richtigen Ort zu sein und die Notübernachtung dann doch nicht zu finden. Die Zeit ist immer gegen Dich. Scheue auch nicht davor zurück, Passanten zu fragen, wenn Du die Hausnummer oder Strasse nicht findest. Solltest Du Dich verfahren oder aus irgend einem anderen Grund verspäten, bitte Passanten, für Dich anzurufen und Bescheid zu sagen. Genug Leute haben ein Handy und können diesen kurzen Anruf für Dich tätigen.

 

Kältehilfetelefon

Speziell in den Wintermonaten kann das Kältehilfetelefon in Anspruch genommen werden. Es war zum Beispiel im letzten Winter im Zeitraum vom 21. Oktober 2003 bis Ende März/ Anfang April 2004 und zwar Dienstag bis Samstag von 19:00 bis 23:00 Uhr besetzt. Das Kältehilfetelefon versteht sich als eine Dienstleistung für obdachlose Menschen.

Der Mitarbeiter vor Ort - Bodo Feth - informiert sich jeden Abend über die Belegung von Notübernachtungen und Nachtcafés und kann Dir mitteilen, wo noch Plätze frei sind und wie die Einrichtung zu finden ist. Fast alle Notübernachtungen arbeiten mit dem Kältehilfetelefon zusammen und informieren sich dort über freie Plätze. Trotzdem kann es wichtig sein, dass Du die Telefonnummer parat hast.

 

Kältebus

Der Kältebus der Berliner Stadtmission ist in der Winterzeit, und zwar von November bis April unterwegs. Seine Aufgabe besteht darin, Nacht für Nacht in Berlin unterwegs zu sein, unterschiedlichen Orte und Plätze anzufahren und Menschen, die die Wege nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen können, zu einer Notübernachtung zu bringen. Damit bietet der Kältebus Hilfe und Rettung vor der Ungewissheit einer Winternacht.

Doch Achtung: Der Kältebus ist kein Taxi, dass Du einfach anrufen kannst, wenn Du keine Lust mehr auf Laufen hast, sondern in erster Linie für Notfälle gedacht, wenn Du das Gefühl hast, ich schaffe es nicht mehr, überhaupt noch irgendwo hinzukommen. Auch diese Nummer solltest Du parat haben, und - falls Du kein Handy hast - Passanten bitten, für Dich beim Kältebus anzurufen.

Doch bitte beachte: Berlin ist eine große Stadt und es kann durchaus eine Stunde dauern, bis der Kältebus Dich erreicht. Du solltest genau angeben, wo Du zu erreichen bist, woran Du zu erkennen bist und Dich möglichst nicht weit von dem angegebenen Punkt entfernen.

 

Nachtcafés

Nachtcafés sind eher provisorische Einrichtungen. In Berlin gibt es in verschiedenen Bezirken und Stadtteilen Notübernachtungen und Nachtcafés, die den zeitlich begrenzten Aufenthalt in den Nachtstunden ermöglichen. Während der Kälteperiode (ca. 01.10. - 31.03.) stehen wesentlich mehr Schlafplätze und Unterkünfte zur Verfügung, als in der übrigen Jahreszeit.

Fast immer sind diese Einrichtungen mit Mehrbettzimmern ausgestattet, Einzelzimmer gibt es nur in Ausnahmefällen (Krankheit/ Krankenwohnung). Bettwäsche ist meistens vorhanden, selten wird der eigene Schlafsack benötigt. Es kann aber auch sein, dass Du erst auf Nachfragen eine Isomatte und eine Decke ausgehändigt bekommst, und das war's dann. In diesen Fällen ist es immer besser, einen Schlafsack dabei zu haben.

Es werden Übernachtungsplätze nur für Männer, nur für Frauen, und ganz vereinzelt für Paare angeboten. Bist Du also mit Partnerin oder mit Partner unterwegs, müsst Ihr Euch sehr frühzeitig um einen gemeinsamen Schlafplatz kümmern und damit rechnen, dass es trotzdem nicht klappt.

Auch wenn Du mit Hund unterwegs bist, kann es schwierig werden, einen Schlafplatz zu finden. Du solltest Dich auf jeden Fall immer danach erkundigen, ob auch Dein Hund mit unterkommen kann. Und selbst bei Notübernachtungen und Nachtcafés, die prinzipiell Menschen mit Hund aufnehmen, kann es passieren, dass Du mit dem Hinweis abgewiesen wirst, es sind schon viele Hundebesitzer anwesend.

Die Öffnungszeiten, Einlass- und Aufenthaltsbedingungen sind im Einzelfall vor Ort, vorab telefonisch oder im Adressteil des Wegweisers zu erfahren.

In der Regel besteht in den Einrichtungen Alkohol und Drogenverbot! Die jeweilige Hausordnung ist einzuhalten! In der Regel ist das Alkohol- und Drogenverbot so gemeint, dass in der Einrichtung nicht konsumiert werden darf. Es wird nicht erwartet, dass Du nüchtern ankommst. Rechne damit, dass Du kontrolliert wirst.

Wenn Du beispielsweise Spiegeltrinker bist und befürchtest, ohne Nachschub die Nacht nicht überstehen zu können, sage den MitarbeiterInnen sicherheitshalber Bescheid. Einige Notübernachtungen handhaben es auch so, dass sie Deine Alkoholvorräte über Nacht wegschließen und sie Dir am nächsten Morgen aushändigen.

Altersbegrenzungen für die Nutzung bestehen meistens nur für Jugendliche unter 18 Jahren. Für Minderjährige stehen einige wenige Jugendeinrichtungen (auch anonym) zur Verfügung.

 

Bahnhöfe

Bahnhöfe eignen sich eher nicht als Schlafplatz. Viele Bahnhöfe werden bei Betriebsschluss geschlossen und Du musst sowieso weiter. Außerdem verbieten die meisten Hausordnungen das Lagern und schon gar das Nächtigen. In der Regel sorgen Private Sicherheitsdienste dafür, dass Du kaum mehr als ein Nickerchen machen kannst. Dafür handelst Du Dir einen Platzverweis, ein Platzverbot oder sogar ein Hausverbot ein - im günstigsten Fall.

Nutze Bahnhöfe als das was sie sind: Als Umschlagplatz und Kontaktbörse. Hier kannst Du viele Leute treffen und befragen, Tipps und Hinweise erhalten. Nur: Du musst von Dir aus Menschen ansprechen, von den Du glaubst, dass sie Dir weiterhelfen können. Aber Vorsicht: Betteln und Hausieren ist natürlich auch verboten.

Auf Bahnhöfen der Deutschen Bahn AG lohnt es sich, nach Bahnhofsmissionen zu suchen. Diese befinden sich auf der Hinterseite der Bahnhöfe. Hier kannst Du Essen bekommen, und weitere Informationen erhalten. Übernachten kannst Du dort in der Regel nicht. Wenn Du Glück hast, kannst Du von dort aus telefonieren.

Wenn es extrem kalt wird und die Temperaturen deutlich unter Null Grad fallen, bleiben manchmal Bahnhöfe die ganze Nacht über geöffnet. Aber verlassen kannst und solltest Du Dich darauf nicht. Erwarte aber nicht mehr als Betonfussboden und Temperaturen knapp über den Gefrierpunkt. Nur mit Glück werden Decken, Getränke und anderes organisiert. Es geht darum, dass Leute nicht erfrieren, sonst nichts.

Die Zeiten, in denen Wagendörfer eine gute Möglichkeit zum Unterkommen waren, sind inzwischen vorbei. Die dort lebenden Wagenburgler sind froh, dass sie mehr oder weniger legal oder geduldet wohnen dürfen und schotten sich deshalb gegen Leute von außen weitgehend ab. Besonders für Leute, die auf Durchreise sind und für ein paar Tage unterkommen wollen, dürfte es schwierig sein, da einen Platz zu finden. Trotzdem könnte es einen Versuch wert sein, dort mal nachzufragen.

Aber Vorsicht: Wagenburgen sind häufig am Stadtrand gelegen und nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Nähere Informationen findest Du unter www.wagendorf.de.

Nicht jedem liegt diese Form der zwangsgemeinschaftlichen Unterbringung in Notübernachtungen und Nachtcafés, insbesondere dann, wenn Du die Leute nicht kennst oder es ständig Störungen gibt, weil manche noch sehr spät kommen, laut schnarchen, unruhig schlafen, im Schlaf reden, mehrfach in der Nacht aufstehen oder einfach, weil es muffelt.

Betrachte deshalb diese Form der Unterbringung als vorübergehend und nutze die Zeit tagsüber, um Dich um eine andere Form der Unterkunft zu kümmern. Mögliche Schritte dazu erklären wir ausführlicher im nächsten Abschnitt "Hilfen & Angebote".

Eben weil die Unterbringung in Notübernachtungen und Nachtcafés nicht besonders komfortabel und auch auf Dauer nicht angenehm ist, ist es natürlich naheliegend, auf eigene Faust nach Alternativen zu suchen. Nur der Vollständigkeit halber führen wir sie hier auf: Du kannst in Häusern nach offenstehenden Kellern oder nach zugänglichen Dachböden suchen, in leerstehenden Häusern nachschauen, ob dort ein geschützter Platz für Dich ist, Dich in Grünanlagen und öffentlichen Toiletten umsehen, es auf Bahnhöfen und in Wartehäuschen versuchen, die ganze Nacht in Nachtbussen umherfahren, Dich auf Baustellen umgucken, Menschen auf der Strasse und in Kneipen ansprechen, ob Du bei Ihnen übernachten kannst, versuchen, in Vorräumen von Banken, wo die Automaten stehen, die Nacht zu verbringen, in Parkhäuser gehen und weiteres mehr.

Viele Menschen, die obdachlos waren oder sind, haben das so gemacht. Ob es für Dich der richtige Weg ist, so über die Runden zu kommen, solltest Du für Dich persönlich mit allen Vor- und Nachteilen in Ruhe abwägen. Denke bitte daran: Wenn Du wenig oder kaum geschlafen hast, bist Du tagsüber nur noch eingeschränkt handlungsfähig, und Du musst Dich um noch mehr Sachen kümmern als nur um einen Schlafplatz!